DIE ELFTE TRADITION


Unsere Beziehungen zur Öffentlichkeit stützen sich mehr auf Anziehung als auf Werbung. Deshalb sollten wir auch gegenüber Presse, Rundfunk, Film und Fernsehen stets unsere persönliche Anonymität wahren.

Die Publikationsmittel der heutigen Zeit -Rundfunk, Fernsehen und Zeitungen - haben seit den Anfängen unserer Gemeinschaft dazu beigetragen, daß wir denen bekannt wurden, die unsere Hilfe brauchten: Alkoholikern und deren Angehörigen. Auf diese Weise haben auch diejenigen von uns erfahren, die wissen sollten, daß es uns gibt: Ärzte, Institutionen, Arbeitgeber und schließlich weite Teile der Öffentlichkeit. AA ist dankbar dafür. Jeder von uns muß dafür dankbar sein, weil unser neues Leben vom Bestehen und Wachsen dieser Gemeinschaft abhängt. Wir freuen uns über jeden objektiven Zeitungsartikel, über noch so kleine Ankündigung unserer Gruppenabende, über jeden positiven Bericht im Radio oder Fernsehen. Immer wieder löst die Bekanntgabe von Kontaktadressen einen Ansturm von Anfragen und Hilferufen aus.

Viele Alkoholiker fanden den Weg zu AA und damit zur Nüchternheit über eine Fernsehsendung, auch wenn sie zunächst nur vage aufgenommen worden war. Aber in der Erinnerung blieben die bewußt verschwommenen aufgenommenen Gesichter, die unrealistischen Negativgestalten, aber auch die klare Aussage: "Seit ich zu den Anonymen Alkoholikern gehöre, kann ich das erste Glas stehen lassen."  Und der dem Tiefpunkt nahe Alkoholiker erinnert sich weiter, daß damals auch eine Anschrift und eine Telefonnummer genannt worden war. -Ein anderer Weg über die Lektüre einer Lebensgeschichte. Beim Friseur war der Alkoholikerin die Illustrierte in die Hände gefallen, und sie dachte, daß sie fast dieselben Schwierigkeiten habe wie die Frau, die in diesem Blatt ihre Geschichte erzählte. "Wenn Sie ein Alkoholproblem haben, können Sie sich an die Kontaktstelle der Anonymen Alkoholiker wenden", hieß es am Schluß. Und später befolgte diese Frau den Rat. Manch einer von uns hat schon gesagt oder gedacht: Hätte ich doch früher von AA erfahren! Eigentlich müßte AA viel mehr Werbung machen! - Die Elfte Tradition empfiehlt, daß AA dies nicht tun sollte. Dafür gibt es viele gute Gründe.

Einer davon ist, daß nach den Marktregeln der Branche die Werbung fast immer personenbezogen ist. Wie ja auch beispielsweise politische Parteien weniger mit ihren Ideen als mit ihren Repräsentanten werben. Unnötig zu sagen, daß solches bei AA unmöglich ist.

Zum zweiten ist die der Gemeinschaft innewohnende Kraft, anderen Alkoholikern zu helfen, nicht unbegrenzt. Hier geht ein Wachstumsprozeß vor sich. Auch dies soll an einem Beispiel deutlich gemacht werden: In der Stadt X gibt es zwei AA-Gruppen, denen sich insgesamt etwa dreißig bis vierzig Freunde zugehörig fühlen. Einer davon ist sehr reich und kommt auf die Idee, für AA Werbung zu machen. Es erscheinen ganzseitige Zeitungsanzeigen. Mal angenommen, diese zeigten Wirkung, plötzlich stünden hundert Hilfesuchende vor der AA-Tür. Wo sollten die zwei jungen Gruppen die Kraft hernehmen, denen zu helfen? Wo sollte man die Sponsoren herzaubern, wer sollte die neuen Gruppen gründen und zumindest zu Anfang leiten?

An diesem Beispiel wird deutlich, daß es besser ist, AA so wachsen zu lassen, wie sich am einzelnen Ort die Bereitschaft zur Hilfeleistung und der Bedarf zur Inanspruchnahme dieser Hilfe ganz natürlich entwickeln.

Die Anonymen Alkoholiker sind kein Geheimbund. Wir haben nichts zu verbergen. Mit wachsender Selbstsicherheit stehen wir auch uneingeschränkt zu unserer Krankheit und zu unserer Vergangenheit. Es ist aber der Gemeinschaft von Anfang an gut bekommen, wenn sie nicht marktschreierisch von sich reden machte. Oder wärest Du, lieber AA, der Du dies jetzt liest, damals ins erste Meeting gegangen, wenn das Meeting in der Hauptgeschäftsstraße gewesen wäre, mit einer flackernd gleißenden Neonreklame über der Tür? War uns nicht allen der Seiteneingang zu dem etwas abseits gelegenen Meetingraum damals angenehmer?

Was die Anonymen Alkoholiker an Öffentlichkeitsarbeit brauchen, erledigen andere für sie. Immer wieder stoßen Journalisten auf das Phänomen dieser für sie "merkwürdigen" Gemeinschaft und schreiben über sie. Sie tun das in aller Regel mit großer Gewissenhaftigkeit und mit viel Verständnis auch für unser Anliegen der persönlichen Anonymität. Die eigene Zurückhaltung der Gemeinschaft der Öffentlichkeit gegenüber hat sich also auf diese Weise für AA von Anfang an gelohnt und damit als richtig erwiesen. Viele Journalisten, die sich mit AA befaßt haben, sind zu unseren Freunden geworden.

.Im übrigen wirbt jeder Einzelne von uns in seiner Nüchternheit für AA. Die Elfte Tradition ist nämlich mehr als eine Anweisung für den Umgang mit der Öffentlichkeit. Sie mahnt uns, persönlichen Ehrgeiz und Geltungsdrang nicht ins Kraut schießen zu lassen, und führt uns hin zu Gedanken über den Sinn der Anonymität, von der in Tradition zwölf die Rede ist.

Unser Weg
Herausgegeben und ©: Anonyme Alkoholiker deutscher Sprache
6. Auflage 28.-32. Tausend
Druck: R. Oldenbourg, Graphische Betriebe GmbH, Heimstetten bei München
Printed in Germany