Der Engel des Lobes

Die Seele lebt vom Lob. So sieht es der Psalmist, wenn er betet: „Lass meine Seele leben, damit sie dich preisen kann“ (Ps 119,175). Aber dieser Satz gilt auch vom menschlichen Lob. Die Seele blüht auf, wenn sie gelobt wird, wenn das Gute in ihr angesprochen wird. Jeder Vater und jede Mutter weiß´, dass sie in ihren Kindern das Gute mehr durch Lob als durch Tadel hervorlocken. Und in jedem Management-Seminar werden die Verantwortlichen einer Firma aufgefordert, ihre Mitarbeiter immer wieder zu loben, bewusst das Gute in ihnen wahrzunehmen und es dann auch zu benennen. Das deutsche Wort „loben“ hat wie lieben und glauben die Wurzel „liob = gut“. Loben heißt, das Gute benennen, es durch Worte zum Ausdruck zu bringen. Indem das Gute genannt wird, wird es ins Bewusstsein gehoben und dadurch verstärkt. Die Lateiner sprechen vom „laus“ und meinen damit vor allem die Lobrede. Man hielt die Lobrede beim Sieg eines Feldherrn oder bei der Beerdigung eines verdienstvollen Menschen. In der Lobrede zählt man alle Verdienste eines Menschen auf. Man erzählt also vor allem von seinen Taten. Das griechische Wort für loben „aineo“ hat den Beigeschmack von „billigen, gutheißen, zufrieden sein“. Loben heißt also: einverstanden sein, Ja sagen, zufrieden und dankbar sein für das Leben. Loben ist Zustimmung zur Welt und Zustimmung zu diesem konkreten Menschen. Im Loben nehme ich den anderen so an, wie er ist. Das tut ihm gut.

In der Bibel wird das Loben vor allem auf Gott bezogen. Für den Psalmisten ist leben und loben identisch. Wer nicht mehr zu loben vermag, der lebt nicht wirklich. Lebendig ist der Mensch nur, wenn er auf etwas Größeres aufschaut und es lobt. Indem der Mensch Gott lobt, sieht er über sich hinaus. Er nimmt sein Leben und die Schönheit der Welt bewusst von Gott her wahr und preist Gott für alles, was er ihm an Wunderbarem geschenkt hat. Für Sinclair Lewis ist das Loben nichts anderes als hörbar gewordene Gesundheit. Der Snob ist immer unzufrieden, Er muss immer an allem herum nörgeln, Loben tut der Seele gut. Loben ist Ausdruck einer gesunden Seele. Henri Nouwen hat die Erfahrung gemacht, dass das Loben die alltäglichen Probleme relativiert und uns Gelassenheit und Freiheit gegenüber allem Belastenden schenkt. Er hatte gedacht, er könne durch einen längeren Klosteraufenthalt seine persönlichen Probleme lösen. Doch nach seiner Rückkehr merkte er schon bald, dass er es wieder mit den gleichen depressiven Stimmungen zu tun hatte wie zuvor. Da blitze in ihm die Einsicht auf: „Klöster baut man nicht, um Probleme zu lösen, sondern um Gott mitten aus den Problemen heraus zu loben“. Das ist kein Ausdruck von Resignation, sondern vielmehr von innerer Freiheit. Wir können nicht alles lösen, was täglich auf uns einströmt. Wenn wir aber unsern Blick nicht auf das Negative fixieren, sondern darüber hinaus sehen auf Gott, der uns Tag für Tag die Schönheit seiner Schöpfung bestaunen lässt, dann relativiert sich, worum wir uns so viele Sorgen machen.

Wenn ich dir den Engel des Lobes wünsche, dann denke ich vor allem an eine zweifache Kunst, die dich der Engel lehren sollte. Da ist einmal die Kunst, den Menschen zu loben. Wenn Manager von ihrem Führungsseminar zurückkommen und nun eifrig ihre Mitarbeiter loben, dann wirkt das oft gekünstelt. Die Mitarbeiter wittern dahinter die Absicht. Loben braucht die Natürlichkeit und Ehrlichkeit. Es verlangt vor allem die Fähigkeit, wahrzunehmen, was der andere ist und was er dir und der Gemeinschaft bedeutet. Dann kannst du auch ins Wort bringen, was dir bei ihm angenehm auffällt. Der Engel des Lobes möge dir den guten Blick und das recht Wort des Lobes schenken. Und der Engel des Lobes lenke deinen Blick auf den Urheber alles Guten, auf Gott. Dein Loben kommt erst dann zur Vollendung, wenn du Gott lobst als den, der dir dein Leben geschenkt hat, der Tag für Tag Großes an dir tut. Das Loben wird dir die Welt in einem anderen Licht zeigen, Und es wird deine Seele leben lassen. Denn Loben entspricht dem Wesen deiner Seele.